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Sysop werden ist nicht schwer ...


Sysop sein - das ist fr viele Nutzer von Mailboxen ein Traum, den sie
irgendwann verwirklichen wollen. So schwer ist es gar nicht, Mailbox-
programme gibt es wie Sand am Meer und irgendwann sind diese auch
installiert. Doch dann beginnt erst der Ernst des Sysop-Lebens.

Haben Sie nicht auch schon mit dem Gedanken gespielt? Anstatt Ihr Geld
mit Mailbox-Anrufen zu vergeuden, lassen Sie die User bei sich anru-
fen; Computer mit Modem besitzen Sie, womit Sie ja regelm„ssig den
vielen Mailboxen einen Besuch abstatten. Den Sysop Ihrer Stammbox
haben Sie gefragt, welches Mailbox-Programm das beste ist, und er hat
Ihnen selbstverst„ndlich das Programm empfohlen, welches er auch
benutzt. Mailbox-Programme erreichen derzeit den Umfang eines mittle-
ren Anwendungsprogrammes, aber nach einer l„ngeren ¯Downloadsession®
entpacken Sie das ¯beste aller Mailbox-Programme® auf Ihrem Rechner in
einem eigenen Unterverzeichnis, welches in Zukunft Ihre Mailbox behei-
maten soll.

Die Dokumentation brauchen Sie nicht zu lesen, denn so schwer kann es
doch gar nicht sein. Sie wissen ja, wieviele Mailboxen es mittlerweile
gibt. Also rufen Sie das Installationsprogramm auf.

- Was der alles wissen will, denken Sie sich und rufen Ihren Sysop an.
Soll der schliesslich Auskunft geben, er hat das ja auch schon einmal
installiert. Dass Sysops am Sonntag Morgen um 10 Uhr eher genervt als
freudig l„chelnd ans Telefon gehen, merken Sie in Ihrer Euphorie gar
nicht. Sie wundern sich nur, dass Ihr Sysop immer wieder die Worte
¯schlafen® und ¯Bett® stammelt. Das geringere Problem wie das verges-
sene Anlegen eines Unterverzeichnisses l”sen Sie mit viel Elan. Zwei
Wochen sp„ter ist Ihre Mailbox so weit installiert, dass sie lokal
arbeitet. Die unz„hligen Telefonate mit Ihrem Sysop haben zwar dazu
gefhrt, dass dieser irgendwann gerade dann den Telefonh”rer auf die
Gabel knallte, als Sie ihm die wichtige Frage stellten, ob es nun
sinnvoller sei, die Eingabezeile der neuen Mailbox in grn oder gelb
zu gestalten. Doch das verkraften Sie umso leichter, als der Sysop
Ihrer neuen Stammbox sich ja ohnehin als viel hilfsbereiter und gedul-
diger erweist.

So naht der denkwrdige Augenblick, zu dem Sie Ihre Mailbox an das
”ffentliche Telefonnetz h„ngen. Als Sie starten, f„llt Ihnen siedend
heiss ein, dass Sie ja nun niemand mehr telefonisch erreichen kann, da
jetzt die Mailbox Ihre Telefonleitung belegt. Sie brauchen eine zweite
Telefonleitung. Die nette Dame im Telefonladen der Telekom fllt Ihnen
ein Formular aus, das Sie nur noch zu unterschreiben brauchen. Sie
erkl„ren der netten Dame noch, dass Sie in den n„chsten zwei Stunden
nicht zu Hause sind und das neue Telefon also frhestens in drei Stun-
den geliefert werden drfe...

Vier Wochen sp„ter finden Sie dann eine Benachrichtigung in Ihrem
Briefkasten, dass bermorgen zwischen acht und zw”lf Uhr Ihr Telefon
angeschlossen werden wird. In der Zwischenzeit waren Sie natrlich
nicht unt„tig. Sie wollen endlich selbst Sysop sein und kommen auf die
glorreiche Idee, einfach nachts Ihre Mailbox an die Leitung zu schal-
ten. Tagsber darf dann das ¯normale® Telefon abheben. Um den poten-
tiellen Usern mitzuteilen, dass diese nun in Ihrer neuen Mailbox anru-
fen k”nnen, suchen Sie sich eine Mailboxliste heraus und rufen in
mhseliger Kleinarbeit alle Mailboxen in der n„heren Umgebung an, um
dort die Werbetrommel fr sich zu rhren. Sie haben dazu eine Textda-
tei entworfen.

Komplizierte ANSI-Codes sorgen dafr, dass der Hinweis auf Ihre neue
Mailbox auch sch”n bunt ist. Sie schicken diesen Text in alle Bretter
der Mailboxen, wo Sie Schreibzugriff geniessen.

Unz„hlige Telefoneinheiten sp„ter warten Sie gespannt auf Ihren ersten
User. Das einzige, was Sie bekommen, sind allerdings sogenannte ¯Fla-
mes®. Dieser Begriff bedeutet soviel wie ¯flammende Rede®, und bein-
haltet eine gesalzene Zurechtweisung. Einer beschwert sich ber die
ANSI-Sequenzen, dem n„chsten gef„llt es nicht, dass Sie in seiner
Mailbox Werbung fr Ihre Box gemacht haben. Sie ben”tigen ein hartes
Fell, um diese Phase zu berstehen.

Endlich wagt sich der erste ersehnte User in Ihre neue Mailbox. Da die
Post Sie auf Ihre zweite Leitung noch warten l„sst, ist Ihre Box nur
nachts zu erreichen, tagsber ben”tigen Sie das Telefon ja selbst. Sie
haben diese Tatsache auch gross in Ihr ¯Bulletin® (das ist die erste
Seite, die die User zu sehen bekommen) geschrieben, nur - es h„lt sich
kaum jemand daran. Andauernd klingelt auch tagsber Ihr Telefon, und
wenn Sie abheben, schallt Ihnen nur ein schrilles ¯Piiiip® entgegen.

Und ein n„chster denkwrdiger Termin ist nah: Der Bautrupp der Telekom
soll endlich ¯zwischen acht und zw”lf Uhr® Ihre zweite Leitung legen.
Pnktlich um zwei Uhr nachmittags klingelt auch schon die Trglocke.
Ein netter Herr mit Koffer steht vor Ihnen, wirklich von der Telekom,
um Ihren zweiten Anschluss zu verlegen. Erwartungsvoll fhren Sie ihn
in Ihr Zimmer. Das Modem ohne Postzulassung haben Sie schon am frhen
Morgen versteckt. Kaum fnf Minuten sp„ter packt der nette Herr seine
Tasche wieder fertig zusammen und legt Ihnen ein Formular vor, welches
Sie bitte ¯hier unterschreiben®. So bleibt Ihre Mailbox 24 Stunden
t„glich online; Kaum ist der Telekom-Mitarbeiter aus Ihrer Wohnung
verschwunden, packen Sie das Modem aus, schliessen es an und warten
stolz auf den ersten Anrufer. Ach so, die neue Nummer kennt ja noch
niemand; Gewappnet mit neuen Erfahrungen gestalten Sie die n„chste
Textdatei etwas diskreter ohne Grafik, um sie in die dafr vorgesehe-
nen Bretter anderer Mailboxen zu verteilen.

Langsam spielt sich alles ein. Vereinzelt pfeift zwar immer noch ein
Carrier auf Ihrer Sprach-Leitung, aber die meisten haben sich an Ihre
neue Telefonnummer gew”hnt. Selbst lange Zeit User gewesen, bekommen
Sie nun mal zu spren, wie einige User sind - zuerst einmal die "Dau-
ersauger®:

- Die 40 MByte ist alles, was Du an Dateien hast?

Dann die User mit dem schnellen Modem:

- Was, Du hast nur 2400 bps? Da such ich mir eine schnellere Box;

Die Spieler:

- Nicht einmal Online-Spiele gibt es hier?

Die ewig Unterinformierten:

- Du hast ja nicht einmal einen Netzanschluss;

Als guter Sysop wollen Sie natrlich fr zufriedene User sorgen, und
so muss als erstes eine neue, gr”ssere Festplatte her. Nach der Devise
¯nicht kleckern, sondern klotzen® kaufen Sie eine Festplatte mit 500
MByte fr 1500 Mark. Diese Platte wollen Sie auch gleich gut fllen,
also rufen Sie, wie schon zu Zeiten, als Sie selbst noch keine Mailbox
hatten, eine Box nach der anderen an, um von dort Dateien zu holen.
Diese stellen Sie sodann Ihren Usern zur Verfgung.

Selbstverst„ndlich wollen Sie andere an Aktualit„t bertreffen, und
also sind auch ein paar Anrufe in amerikanischen Mailboxen f„llig.
Nachdem der Schock ber Ihre erste Telefonrechnung als Sysop verflogen
ist, beschr„nken Sie in weiser Einsicht Ihre Amerika-Anrufe drastisch.
Das schnellere Modem avanciert derweil zum ¯absoluten Muss®, weil
durch die krzeren šbertragungszeiten ja die Telefonrechnung sinkt.
Fr 2000 Mark schnappen Sie sich ein gnstiges Sonderangebot. In
glcklichem Besitzerstolz schalten Sie das Highspeed-Modem an, leider
mit dem Problem, dass zuerst berhaupt nichts mehr funktioniert.
Unz„hlige Anrufe bei anderen Sysops erbrachten fr Ihr neues Modem
eine gnstige Konfiguration, so dass Sie wenigstens Anrufe entgegen-
nehmen k”nnen. Dabei mssen Sie leider feststellen, dass der ¯gute
Freund®, der Ihnen das Modem verkaufte, dies nicht ganz selbstlos tat.
Der Highspeed-Standard des Modems war restlos veraltet, aber zun„chst
kann nichts die Freude ber das Funktionieren des Ger„ts trben.

Auch den dritten Punkt -Anschluss an ein Mailboxnetz- nehmen Sie glor-
reich in Angriff. Am bekanntesten ist wohl das weltweite Fido-Netz,
aber auch Zerberus- oder Maus-Netz bieten Vorteile fr den Sysop. Sie
entschliessen sich endlich fr das Netz, in dem der Sysop ist, der
Ihnen am meisten geholfen hat. So einfach ist die Sache allerdings
nicht, denn zuerst brauchen Sie eine entsprechende Software, damit Sie
mit den anderen Netzmitgliedern automatisch kommunizieren k”nnen.
Wahrscheinlich verwnscht Sie der Sysop, der Ihnen den Tip mit seinem
Netz gegeben hat, denn die n„chsten Tage verbringen Sie fast aus-
schliesslich am Telefon. Doch irgendwann einmal gelingt die Installa-
tion: Sie sind Mitglied in einem grossen Netz, mit Hunderten von ande-
ren Sysops.

Sie beginnen, nach und nach die verschiedenen Konferenzen zu abonnie-
ren, und an einigen beteiligen Sie sich rege. Zu den vielen techni-
schen Konferenzen steuern Sie Ihre Erfahrung bei, bei anderen Dingen
fragen Sie die Beteiligten und bekommen meist mehrfach L”sungen fr
Probleme. Dann wagen Sie sich auch an die politischen Diskussionen und
beginnen, kr„ftig mitzumischen. Auch hier mussten Sie viele ¯Prgel®
einstecken, bis Sie den Umgang mit anderen Sysops verstehen konnten.
Waren Sie es gewohnt, h”flich und zuvorkommend zu sein, so stellen Sie
sehr bald fest, dass auf Sysop-Ebene ein rauher Wind weht. Sie bemer-
ken eine der gr”ssten Schw„chen der DFš: Jeder sitzt alleine vor sei-
nem Rechner und schreibt oftmals etwas, was ganz anders ankommt, als
er es ursprnglich gemeint haben mag. Denn die wenigen ASCII-Zeichen
vermitteln wohl kaum Gesichtsausdruck oder Gefhl. So entsteht oft ein
Missverst„ndnis, das dann zu handfestem Krach eskalieren kann. Am
Anfang haben Sie sich noch gewundert, warum sich Menschen, die alle
das gleiche Hobby verbindet, derartig anfeinden k”nnen. Nachdem Sie
sich aber selbst ertappt hatten, wie leicht es ist, einen ¯Flame® zu
schreiben, sehen Sie diese Sache auch realistischer.

Langsam haben Sie sich etabliert, Ihre Mailbox ist eine Institution in
Ihrer Region geworden. Die Userzahl hat zugenommen. Ihre Freundin hat
sich dafr mit einem Zettel verabschiedet:

- Gegen eine andere Frau h„tte ich gek„mpft, gegen Deine Mailbox habe
ich keine Chance, mach's gut;

Geschockt nehmen Sie erstmals wahr, wieviel Zeit Ihr Hobby ver-
schlingt, vom Geld ganz zu schweigen.

Doch unerschtterlich planen Sie, auf einen schnelleren Rechner umzu-
steigen, als Sie nachts pl”tzlich aufwachen. Sie wissen nicht genau
warum, aber eine unerkl„rliche Unruhe treibt Sie zu Ihrem Rechner. Der
Bildschirm ist schwarz, kein Tastendruck ¯erweckt ihn zum Leben®. Mit
zitternden Fingern drcken Sie den Resetknopf, um kurz darauf die Mel-
dung zu lesen: - Drive C: not ready - run Setup.

Auch ein erneutes Hochfahren von Diskette bringt dasselbe, trbe
Ergebnis: Ihre Festplatte hat den ¯Geist aufgegeben®. šber Backups
hatten Sie bisher nur gelacht, oder wollen Sie vielleicht 500 MByte
auf Disketten sichern? Sie versuchen noch, mit verschiedenen Hilfspro-
grammen zu retten, was noch zu retten ist, aber vergebens. In Ihrer
geliebten Mailbox herrscht nur noch das Chaos mit einem Gemisch aus
Bits und Bytes auf einem Datentr„ger, der diese Daten nicht mehr in
einen sinnvollen Zusammenhang bringen kann. Dass Sie auf Ihre Fest-
platte Garantie bekommen, hebt Ihre Stimmung auch nur minimal. Sie
sind das erste Mal kurz davor, aufzugeben. Doch das st„ndige L„uten
Ihres Telefons treibt Sie dazu, weiterzumachen.

Sie installieren die gesamte Software neu und kaufen ein Backup-Me-
dium.

Bald wird die Festplatte auch wieder zu klein, der Rechner zu langsam
und die User klagen, dass Ihre Mailbox dauernd besetzt ist:

- Mach doch eine zweite Leitung auf;

In jener Zeit verfolgt Sie der Satz. So entscheiden Sie sich bei der
Telekom eine weitere Leitung zu beantragen. Sie sind nicht mehr so
blau„ugig wie beim ersten Mal und rechnen mit einer l„ngeren Warte-
zeit. Sie rechnen richtig, aber nach einigen Mhen haben Sie ihre
dritte Telefonleitung und beginnen, Ihre Mailbox auf Multiline-Betrieb
umzursten. Was Sie alles beachten mssen; Manchmal wnschen Sie sich
in die Zeit zurck, als Sie anfingen, als Sysop t„tig zu sein. Denn
der Betrieb einer Mailbox mit mehreren Leitungen verdoppelt nicht die
Fehleranf„lligkeit, er potenziert sie. Entweder das Netzwerk arbeitet
nicht zufriedenstellend, oder ein Online-Spiel sorgt dafr, dass beide
Leitungen stehen, als zwei User dieses Spiel gleichzeitig spielen - es
gibt soviel Fehlerursachen, dass Sie gar nicht alle abfangen k”nnen.
Sie stellen fest, dass netzwerkf„hige Programme noch lange nicht ¯Mul-
ti-Mailbox-f„hig® sein mssen.

Trotz allem Žrger, trotz der Tausenden von Mark, die Sie in Ihr Hobby
investierten, trotz der vielen schlaflosen N„chte geniessen Sie es,
Sysop zu sein. Die Macht, die Sie ber Ihre User haben, wiegt die vie-
len kleinen Probleme allemal auf. Wenn Sie auch mit anderen Sysopkol-
legen ber den Anf„nger schimpfen, der Sie zu nachtschlafener Zeit
anruft, sind Sie doch insgeheim stolz darauf, dass sich Hilfesuchende
an Sie wenden. Denn Sysop sein, dass ist schon eine wunderbare Sache.